Lernen Sie ‚NEIN‘ sagen

Kommt Ihnen das bekannt vor:

  • Sie haben fast immer ein offenes Ohr für Sorgen und Nöte anderer Menschen
  • Sie können sich schlecht wehren und werden oft von anderen Menschen überrumpelt
  • Sie haben Angst vor eigenen Fehlern oder Kritik
  • Sie haben das Gefühl, dass immer alles an Ihnen hängen bleibt
  • Sie arbeiten zu viel und kommen kaum zum Erholen
  • Sie haben ein schlechtes Gewissen, wenn Sie anderen Menschen einen Wunsch oder eine Bitte abschlagen

 

Wenn das so ist, dann geht’s Ihnen ähnlich wie vielen Menschen. Willkommen im Club! Auch ich habe so ‚getickt’. Dass da was nicht stimmt, wurde mir erst sehr spät (fast schon zu spät) bewusst gemacht durch eine Verhaltenstherapie nach einem heftigen Burnout. Beruflich und privat sind wir häufig mit Situationen konfrontiert, in denen es uns schwerfällt ‚NEIN’ zu sagen – uns also abzugrenzen und unsere eigenen Wünsche in den Vordergrund zu rücken.

Warum sagen wir ‚JA’ wenn wir eigentlich ‚NEIN’ sagen wollen?

Einige der möglichen Gründe sind:

  • man will andere nicht vor den Kopf stoßen
  • man erhofft für sich selbst Anerkennung und Wertschätzung
  • man will andere nicht verletzen
  • man möchte es allen recht machen
  • man fürchtet die Konsequenzen aus eigenen Entscheidungen

Sie kennen das sicherlich: Ein Arbeitskollege kommt mit einer kleinen Bitte zu Ihnen. Aus den oben genannten Gründen lehnen Sie diese Bitte nicht ab. Darauf folgt irgendwann die nächste Bitte und die nächste usw. Und dann fragt der Kollege plötzlich gar nicht mehr, sondern überlässt Ihnen seine ursprüngliche Aufgabe. Wenn Sie Aufgaben erledigen, für die Sie gar nicht vorgesehen sind, geht das ausschließlich zu Lasten Ihrer eigenen Gesundheit und Arbeitszeit oder auch Ihrer Freizeit, denn diese Situation trifft Sie nicht nur während der Arbeit sondern ebenso im privaten Umfeld, in der Familie, beim Sport, in der Freizeit.
Deshalb machen Sie es richtig und lernen Sie ‚NEIN’ zu sagen. Das bedarf einiger Übung und klappt auch nicht sofort und auch später nicht immer. Nachfolgend gebe ich Ihnen für den Anfang mal ein paar Anregungen, wie es gelingen könnte.

Machen Sie sich bewusst, warum Sie nicht Nein sagen können

Finden Sie die Gründe, warum Ihnen das Nein sagen so schwer fällt. Schon der bewusste Umgang mit den Gedanken führt zu Erkenntnissen, die eine Veränderung ermöglichen. Fragen Sie sich auch, was Ihnen im schlimmsten Fall passieren könnte, wenn Sie öfter Nein sagen.

Welcher Typ von Nein-Sager sind Sie?

Es gibt tatsächlich Verhaltensmuster, die eine Klassifizierung zulassen. Es ist effektiv, wenn Sie sich im Klaren sind, welcher Typ Sie sind. Welche Beschreibung trifft auf Sie zu:

  • Der Vermeider (“sei lieb zu mir”)
  • Der Selbstverneiner (“sei perfekt”)
  • Der Kämpfer (“sei stark”)
  • Der Drängler (“beeil dich, mach mal eben noch…”)
  • Der Jein-Typ (“streng dich an”)

Wahrscheinlich treffen aber für Sie mehrere Beschreibungen zu – ein bisschen hiervon, ein bisschen davon? Das ist normal.

Warum ist es sinnvoll den eigenen Typ von Nein-Sager zu kennen?

Wenn Sie mit Hilfe von guten Kommunikationstechniken mutig Ablehnungen aussprechen können und mutig in Konfliktsituationen hineingehen, sollten Sie wissen, dass Ihr unbewusstes Ich Ihnen immer wieder innere Bremsen und Stolpersteine gemäß Ihres Typs in den Weg räumen wird. Das trifft Sie dann nicht unvorbereitet.

Erlauben Sie sich, auch mal Nein zu sagen

Wenn Sie nicht helfen, weil Sie z.B. für Aufgaben nicht zuständig sind ist es Ihr gutes Recht Nein zu sagen. Machen Sie sich in diesem Fall bewusst, dass z.B. ein Ja zum Kollegen ein Nein für Sie und Ihre Bedürfnisse bedeutet (Burkhard Heidenberger).

Gehen Sie Ihren neuen Weg in kleinen Schritten

Es ist wirklich nicht sinnvoll, von einem Tag auf den anderen generell und rigoros allen herangetragenen Bitten eine Absage zu erteilen. Reagieren Sie flexibel auf die an Sie gerichteten Bitten indem Sie für sich in der jeweiligen Situation entscheiden, ob ein ‚JA’ oder ‚NEIN’ sinnvoll ist. Fühlen Sie sich gut bei einem ‚JA’, dann machen Sie es! Erscheint Ihnen das ‚NEIN’ sinnvoller, dann machen Sie das. Denken Sie daran, dass Sie sich in einem Veränderungsprozess befinden. Sie brauchen Übung um diese Veränderungen zu festigen. Deswegen wird es nicht immer leicht sein, ‚NEIN’ zu sagen. Im Laufe Ihrer Übungszeit wird es Ihnen immer leichter fallen.

Lernen Sie richtig Nein zu sagen

Denken Sie jederzeit daran, dass es nicht darum geht, ein gewohntes ‚JA’ kategorisch durch ein ‚NEIN’ zu ersetzen. Richtiges Nein sagen bedeutet ein höfliches, bestimmtes Nein auszusprechen. Durch ein angemessenes ‚NEIN’ sparen Sie Zeit. Zunächst mal ist es aber wichtig zu prüfen, wem man eine Bitte ablehnt (Vorgesetzter, Kollege, Bekannter …) Entsprechend ist die Form der Ablehnung zu beachten. Es muss z.B. auch nicht ein direktes Nein sein. Schlagen Sie z.B. vor: “Ich kann das übernehmen, aber erst am …”, “Ich werde das machen, allerdings habe ich für meine Arbeit hier morgen einen verbindlichen Abgabetermin, den ich unbedingt einhalten muss. Vielleicht suchen Sie einen anderen Mitarbeiter, der eher mit der Arbeit beginnen kann.”

Bereiten Sie Ihr Nein sagen vor

Bauen Sie mit geeigneten Maßnahmen innere Stabilität und Haltung auf. Überlegen Sie sich zwei, drei Argumente die Sie bei einer demnächst an Sie gerichteten Bitte anwenden wollen. So sind Sie vorbereitet und müssen nicht erst während des Gespräches Argumente finden.

Begründen Sie Ihr Nein sagen

Finden Sie nachvollziehbare Begründungen (z.B. Anregung ‚Lernen Sie richtig Nein zu sagen). Stellen Sie keinen direkten Bezug zu der Person her, die die Bitte an Sie herangetragen hat, bleiben Sie sachlich.

Genießen Sie Ihr erfolgreiches Nein sagen

Vor allem in der Anfangszeit Ihres Lernens wird das Nein sagen zur großen Herausforderung. Wählen Sie am Abend einen Zeitraum aus, in dem Sie den Tag nochmal rekapitulieren. Überlegen Sie, was Ihnen besonders gut gelungen ist, zählen Sie, wie oft Ihnen das Nein sagen gelungen ist. Belohnen Sie sich mit einer Kleinigkeit dafür. Das motiviert Sie für das weitere Lernen. Überlegen Sie aber auch, was nicht so optimal gelaufen ist und entwickeln Sie einen Plan, wie Sie die Situation beim nächsten Mal beherrschen möchten.

Diese Anregungen könnten Ihnen für den Anfang helfen. Sie erkennen vermutlich während des Lernprozesses sehr schnell, wie Sie sich verhalten müssen. Denken Sie immer daran, Sie sagen nicht aus Boshaftigkeit Nein, Sie tun es für Ihre Gesundheit – Ihre Stressbelastung wird sich verringern, Ihr Wohlbefinden steigert sich. Wenn Sie weniger starkem Stress ausgesetzt sind, ist die Gefahr geringer einen Fehler zu machen (s. oben ‚häufige Stressbelastungen).

Literaturtipp:

Und wenn Sie nach anfänglichem Üben noch mehr für sich tun wollen, nutzen Sie die reichhaltige Literatur zu diesem Thema. Interessant sind z.B. folgende Bücher:

  • Nein sagen: Die besten Strategien von Monika Radecki, Haufe Lexware (2010)
  • Everybody’s Darling – Everybody’s Depp: Tappen Sie nicht in die Harmoniefalle von Irene Becker, Goldmann Verlag (2009)
  • Sag nicht ja, wenn Du nein sagen willst: Wie man seine Persönlichkeit wahrt und durchsetzt von Herbert Fensterheim, Goldmann Verlag (2006)

Ich drücke Ihnen die Daumen! Viel Erfolg!

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